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  • 1 Eötvös Loránd University

Für die kultische, bzw. hagiographische frühe Rezeption der Dichtung von Miklós Radnóti erwies sich jene Stelle bei Abda unter dem Damm des Flusses Rábca, wo er mit 21 anderen jüdischen Zwangsarbeitern Ende August 1944 von einem ungarischen Soldaten erschossen wurde, als ein bindender Ort. Nachdem der Körper des Dichters in einem Massengrab mit anderen Leichen verscharrt worden war, wurde er noch zweimal exhumiert und neu bestattet. Der traumatische Ort des Mordes schreibt sich durch die letzten Gedichte ins Gedächtnis der Generationen. Die traumatisierte frühe Rezeption von Radnóti besteht auf den Stillstand der Zeit, auf die Nähe zum mehrmals beigesetzten und wieder ausgegrabenen Körper des Dichters. Diese seltsame Art der Rezeption, die die Dichtung von Radnóti der Historisierung zu entziehen versucht, ist als eine Antwort auf die Frage zu verstehen, ob der Holocaust in seiner Außergeschichtlichkeit zu bewahren ist. In der Ästhetik der Zeugenschaft wiederholt sich die Frage, wie man eine einmalige Raum-Zeit-Beziehung in ihrer Form bewahren kann, die sowohl das Trauma der Zerstörung einer historischen Gemeinschaft, der Gemeinschaft der ungarischen Nation als auch die Hoffnung auf eine Therapie, auf eine Neustiftung der Gemeinschaft miteinschließt. Das Gedicht von Radnóti „Nem tudhatom“ stiftete in der frühen Rezeption eine neue Perspektive für die Neubelebung der durch den Holocaust zerrissenen Gemeinschaft der Nation, es konnte aber von der romantischen Ideologie der nationalen Identität nicht Abschied nehmen, und dadurch blieb diese neue Perspektive unvollendet.

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